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Wenn das Essen Probleme macht

Blähungen, Durchfall und Magenschmerzen: Zunehmend mehr Menschen klagen über diese und ähnliche Symptome nach der Nahrungsaufnahme. Eine eindeutige Diagnose ist nicht in allen Fällen möglich – die Beschwerden sind dennoch da und sie zeigen, dass eine Intoleranz nicht bloß die Antwort auf einen vorübergehenden Hype ist.

"Es lief einfach alles durch."

„2012 fing es mit den Problemen an. Probleme wie erhöhte Magensäure, Probleme wie Akne, Probleme wie Durchfall. Ich habe auf alle Lebensmittel schlecht reagiert. Es lief einfach alles durch.“ Starker Juckreiz am Körper und am Kopf, Haarausfall, ein aufgeblähter Bauch und Schmerzen im Magen-Darm-Bereich – die Liste der Symptome, unter denen Sarah Schmidt (Name geändert) litt, war umfangreich. Die Ursachen blieben lange ungeklärt. „Ich dachte ich hätte etwas am Blinddarm“, berichtet die 25-jährige Studentin aus Köln. Dass hinter ihren Beschwerden eine Lebensmittelunverträglichkeit stecken könnte, bemerkte sie erst, nachdem ihr Befund auf eine Blinddarmentzündung negativ ausfiel.

Die Begriffe Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit und Fructoseintoleranz sind mittlerweile in aller Munde. Über Bauchkrämpfe, Blähungen und ähnliche Beschwerden nach der Nahrungsaufnahme klagen immer mehr Menschen. Tatsächlich hat sich der Anteil an den Laktoseintoleranten in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, das zeigt eine Ernährungsstudie der Technischen Krankenkasse (TK). Etwa 15 % leiden in Deutschland unter einer Laktoseunverträglichkeit, während von der Glutenunverträglichkeit Zöliakie nur 0,4 % betroffen sind. Diese Zahlen spiegeln die Schätzungen der Experten wider, die der Betroffenen liegen jedoch deutlich höher. Denn nicht in allen Fällen kann eine Intoleranz nachgewiesen werden – die Probleme mit dem Essen bleiben allerdings dieselben. Häufig ist es eine lange Odyssee für Betroffene, bis die Ursache der Symptome gefunden wird.

Ursachen sind nicht leicht zu finden

Davon kann auch Sarah Schmidt ein Lied singen. Nach einem gescheiterten Selbstversuch im Verzicht auf laktosehaltige Produkte wurden ihre Beschwerden immer schlimmer. „Mein Zustand hat sich enorm verschlechtert. Ich habe extrem abgenommen, weil nichts mehr im Körper blieb.“ Das von Arzt-zu-Arzt-Rennen begann. Für jede Beschwerde suchte Sarah einen anderen Facharzt auf: Den Dermatologen wegen des Juckreizes und der Akne, den Gastroenterologen wegen der Magen-Darm-Beschwerden. Bei einer Darmspiegelung stellte der Mediziner einen Überschuss an weißen Blutkörperchen fest. Der Verdacht auf Zöliakie wurde aber wieder verworfen, als die Ergebnisse des Bluttests negativ ausfielen. „Und dann hieß es einfach – Diagnose: Reizdarm.“ Die Ärzte konnten organisch keine Ursachen finden und dennoch waren die Beschwerden da.

Der Ernährungstherapeutin Ute Meusel ist dieses Phänomen längst bekannt. Sie studierte Oecotrophologie an der Hochschule Niederrhein und Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda. Seit fünf Jahren führt sie eine eigene Praxis für Ernährungsberatung und -therapie in Krefeld. Sie kann bestätigen, dass viele ihrer Patienten einen ähnlichen Weg wie Sarah hinter sich haben. „Mittlerweile schicken einige Ärzte ihre Patienten zu mir und sagen: Ich habe nichts gefunden. Es ist alles gut. Die Organe sind gesund, die Laborwerte sind gut, ich kann es mir nicht erklären.“

"Meine Liste war mehr als eine DIN A4 Seite lange."

Sarahs lange Suche nach den Ursachen für ihre Beschwerden fand schließlich bei einer Heilpraktikerin ein Ende. Ihr Partner, der selbst seit Kindertagen an diversen Unverträglichkeiten und unter ähnlichen Beschwerden leidet, empfahl ihr den Besuch bei seiner Heilpraktikerin in Ungarn. Mit der sogenannten Bio-Resonanz-Therapie – einem Verfahren, das mittels einem elektronischen Gerät und damit verbundenen Elektroden Schwingungen im Körper misst – konnten erstmalig Unverträglichkeiten auf Lebensmittel festgestellt werden.

„Meine Liste war mehr als eine DIN A4 Seite lang, aber die ausschlaggebenden Punkte waren Gluten und Milcheiweiß“, erzählt Sarah. Die Unverträglichkeit entstand durch eine Entzündung im Darm, die aus der erhöhten Produktion von Magensäure resultierte und eine Schädigung der Schleimhäute hervorrief. Eine durcheinander geratene Darmflora kann Vitamine und Nährstoffe nicht mehr richtig aufnehmen. Die Verdauungsenzyme, welche die aufgenommene Nahrung verwerten, werden nicht mehr ausreichend produziert. Dass das Milieu im Darm für die Entstehung von Lebensmittelunverträglichkeiten eine bedeutende Rolle spielt, weiß auch Ute Meusel. „Viele Leute bringen ihre Darmflora durcheinander, weil sie zu verrückt essen und jedem Hype folgen“, meint die Ernährungstherapeutin. Der Schlankheitswahn lässt Frauen von einer Diät zur nächsten jagen. Ein fester und geregelter Essrhythmus ist bei vielen Menschen nicht vorhanden und nicht selten wird zu Convenience Produkten gegriffen, die bereits verzehrfertig sind.

„So eine pure Möhre auf die Hand, das gibt es nicht mehr. Wenn, dann ist die schon mindestens geschält und verpackt und vier Wochen haltbar, also eigentlich totgemacht“, kritisiert die Ernährungsberaterin das Essverhalten unserer Gesellschaft. „Wir essen nichts Natürliches mehr.“

Gesunde Ernährung liegt im Trend

Dabei wächst die Zahl der Menschen, die sich bewusst ernähren wollen, doch stetig weiter. Beinahe jeder zweite Deutsche achtet laut eigener Angabe auf eine gesunde Ernährung.  In einer Umfrage der Technischen Krankenkassen und der Organisation Foodwatch, gaben 45 % der Befragten an, dass ihnen eine gesunde Ernährung wichtig sei. Und doch stellt Ute Meusel immer wieder Ernährungs- und vor allem Wissensdefizite bei ihren Patienten fest. „Die Leute sagen, sie essen gesund. Wenn ich mir dann mal aufschreiben lassen, was die so essen, dann sind das lediglich Verpackungen, auf denen ‘gesund’ steht.“

Doch nicht nur das Was spielt beim Essen eine entscheidende Rolle, sondern auch das Wie. Ein geregelter Essrhythmus ist ebenso wichtig, wie die Atmosphäre. „Im Auto oder unterwegs in der Bahn sich mal schnell etwas reintun – das ist doch kein Essen! Menschen, die sich keine Pausen beim Essen gönnen, die sich nicht den Genuss des Essens gönnen, schätzen ihren Körper relativ wenig.“

Den Körper schätzen, sich fit halten und gesund ernähren – das ist Kerstin Fitzgibbons‘ Credo. Sie arbeitet als Personal Coach und führt seit 2008 ihr eigenes Fitnessstudio in Speyer. Eine gesunde Ernährung spielt neben der körperlichen Fitness in ihrem Leben eine große Rolle. Vegan und zuckerfrei ernährt sie sich schon seit vielen Jahren. Seit zwei Jahren isst sie zusätzlich glutenfrei. Sie muss nicht auf das Klebereiweiß im Getreide verzichten –  sie möchte es. „Ich war nach dem Essen immer so müde, mir fehlte einfach die Energie und ich dachte: Das kann es doch nicht sein.“ Sie begann sich eingehend mit dem Thema Gluten zu beschäftigten und startete einen Selbstversuch: Eine Woche glutenfrei. „Das Ergebnis war verblüffend“, berichtet Kerstin. Die Müdigkeit nach dem Essen war verschwunden. Kerstin fühlte sich wieder energiegeladener und fitter.

Sind Unverträglichkeiten eine Folge der Industrialisierung?

Einen wissenschaftlich fundierten Beleg, dass eine glutenfreie Ernährung gesünder sei, gibt es allerdings nicht –  auch wenn insbesondere Weizen in zahlreichen Büchern mit Titeln wie „Weizenwampe“ oder „Dumm wie Brot“ als der Bösewicht schlechthin unter den Lebensmitteln dargestellt wird. Die Ernährungstherapeutin Ute Meusel wagt eine Vermutung: „Gluten ist nicht das Problem, sondern der überzüchtete Weizen. Im Hinblick auf mehr Ertrag und Schädlingsbekämpfung werden ihm Stoffe beigefügt, bei denen wir Menschen evolutionsbedingt nicht hinterherkommen.“

Auch Milch ist inzwischen zu einem hochtechnischen Produkt geworden, das in die Einzelteile zerlegt und nach Verbrauchergeschmack, nach Firmenwillen und Geschmacksorientierung wieder zusammengesetzt wird. „Alles ist dermaßen verändert, dass es eigentlich nicht mehr den Namen Lebensmittel verdient.“

Kerstin behielt die glutenfreie Ernährung bei und eröffnete ein Programm auf ihrer Website, damit auch andere Menschen von ihren positiven Erfahrungen profitieren können: Die ‘7 Tage Gluten – Nein Danke!’ Challenge. In einem einwöchigen Online-Kurs gibt sie dabei als freier Ernährungscoach Tipps rund um das Thema glutenfreie Ernährung. Teilnehmer erhalten einen Speiseplan mit vielen Rezeptideen und können sich über eine Facebook-Gruppe mit anderen Teilnehmern austauschen. Besonders in den sozialen Netzwerken regnet es hier gewaltig Kritik. Nicht selten erhält Kerstin Kommentare wie:

„Ich habe Zöliakie und wäre froh, ich dürfte ein Weizenbrötchen, Kuchen, und Nudeln essen.“ oder „Das ist doch bloß ein Trend!“

Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle bei der Ernährung

Der Einfluss des Umfeldes und der der Medien auf die Ernährung ist enorm. Essen wird zunehmend sozialisiert. „Unser Essverhalten hat höchstens zur Hälfte mit notwendiger Nahrungsaufnahme und mindestens zur Hälfte mit sozial bedingtem zu tun“, erklärt die Ernährungstherapeutin. Glutenfrei erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Prominente wie Lady Gaga, Miley Cyrus oder Scarlett Johansson machen die Krankheit Zöliakie zu einem Lifestyle-Trend und der Hype sorgt dafür, dass Betroffene nicht mehr ernst genommen werden, so Ute Meusel.

Auch Sarah hatte nach ihrer Diagnose immer wieder mit spitzen Bemerkungen und kritischen Äußerungen aus ihrem Umfeld zu kämpfen. Gerade zu Beginn stieß sie in ihrem Freundeskreis häufig auf Unverständnis. Sie musste Aufklärungsarbeit leisten und ihre engsten Vertrauten mit Hilfe von Internetseiten über ihr Problem mit Gluten und Laktose unterrichten. „Meine Schwester und meine Mutter fragen mich heute noch: Was kannst du denn alles essen? Für mich ist es ganz leicht – glutenfrei und milchfrei. Man merkt daran einfach: Es ist noch nicht angekommen bei den Menschen.“

Der Verzicht fällt zunächst schwer

Das Verzichten wollen und Verzichten müssen ist ein großer Unterschied. Während Kerstin die Ernährungsumstellung nicht schwer fiel, war die Diagnose für Sarah zunächst ein Schock. Sie musste sich auf einmal damit befassen, was sie essen durfte und was nicht. Die zweiwöchigen Diäten, die sie als Jugendliche machte, waren nicht vergleichbar mit einer vollständigen Ernährungsumstellung.

Eine große Unterstützung dabei war ihr Partner, der sich schon seit vielen Jahren glutenfrei und laktosefrei ernährte. Vor einiger Zeit saßen sie noch gemeinsam am Tisch – sie mit ihrer Pizza und er mit seinem glutenfreien Pizza-Ersatz – heute essen sie beide die glutenfreie Pizza. „Einerseits war es eine Erleichterung, weil endlich mal jemand was gefunden hatte, andererseits habe ich mich gefragt: Schaff ich das?“ Eine Ernährungsumstellung ist mit viel Disziplin und Selbstbeherrschung verbunden. Doch Sarahs größte Motivation war es, als sich bereits nach einem Monat die ersten Erfolge bemerkbar machten. Einige der Beschwerden verschwanden direkt vollständig. Ihr allgemeiner Zustand verbesserte sich. Sie gewann wieder an Lebensqualität.

"Ich finde immer eine Alternative zu dem, was ich früher gegessen habe.“

Die Ernährungstherapeutin Ute Meusel erläutert, dass eine Lebensmittelunverträglichkeit – mit der Ausnahme der Zöliakie – in der Regel keine unheilbare Krankheit ist. Sie bedeutet keinen lebenslangen Verzicht auf die unbekömmlichen Nahrungsmittel. Es handelt sich lediglich um eine Ernährungsstörung, die mithilfe einer konsequenten Umstellung der Ernährung wieder in den Griff bekommen werden kann. Nach einer längeren Zeit des Verzichtens, mit einer ausgewogenen und gesunden Ernährung, baut sich die Darmflora wieder auf und die ehemals unbekömmlichen Lebensmittel können wieder vertragen werden. „Das ist mein liebster Job“, sagt Ute Meusel. „Das sind schöne ‘spitze‘ Heilungen.“

Mit den Jahren gewöhnte sich Sarah an die Ernährungsänderung. Heute – über fünf Jahre nach der Umstellung – geht es ihr wieder gut. „Jetzt fällt es mir gar nicht mehr schwer auf Gluten und Laktose zu verzichten. Die Lebensmittelindustrie bietet mir so viele andere Möglichkeiten. Ich finde immer eine Alternative zu dem, was ich früher gegessen habe.“ Und dann sitzt sie morgens wie selbstverständlich mit ihren glutenfreien Haferflocken und dem veganen Joghurt am Frühstückstisch.

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