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Kleidung – was kostet sie uns eigentlich

Ein lauwarmer Wind weht über den Fluss und lässt die rosafarbenen Schaumkronen auf dem Wasser tanzen. Das Gras am Flussufer ist braun, der Boden schlammig. Fische schwimmen hier schon lange nicht mehr. Durch die Chemikalien der umliegenden Textilfabriken sind sie nach und nach verendet. An den Seiten des Flusses ragen immer wieder große, graue Betonrohre ins Wasser. Durch sie gelangen die giftigen, bunten Abwässer in den Fluss. Ungefiltert und voller Chemikalien, die von hier aus in die ganze Welt gelangen und auf dem Weg alles vergiften. Ein schleichender Prozess, der im Alltag kaum auffällt, wie viele andere Auswirkungen der Modeindustrie auf unsere Umwelt. Deshalb sollten wir uns dringend fragen: Was kostet unsere Kleidung?

Die Modeindustrie ist im Zuge der Globalisierung durch die Erschließung neuer Märkte und Produktionsstandorte sowie die globale Vernetzung stark gewachsen. Viele Modeunternehmen haben die Produktion ihrer Kleidung in Billiglohnländer verlagert, um Herstellungskosten zu sparen. China und Bangladesch sind laut dem statistischen Bundesamt die Hauptproduzenten und das im drittgrößten Industriezweig der Welt. Allerdings wird die Produktion in den nächsten fünf Jahren, laut einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey, wegen steigender Lohnkosten in China zunehmend nach Bangladesch verlagert. Diese Prognose zeigt deutlich, wer hier profitiert. Die großen Modeunternehmen produzieren mit weniger Investitionen in hohen Margen und können so ihre Produkte billig verkaufen. Die Menschen, die in der Wertschöpfungskette arbeiten, gehen jedoch leer aus. Laut einer Umfrage des wissenschaftlichen Instituts Südwind verdient eine Näherin in Bangladesch etwa 3 Euro am Tag. Und der Staat subventioniert das Ganze. Mit der Ansiedlung der zahlreichen neuen Produktionsstätten und der daraus wachsenden Konkurrenz haben viele Länder sogenannte freie Exportzonen eingerichtet. Diese bieten ausländischen Unternehmen optimale Bedingungen, wie bessere Investitionsbedingungen, reduzierte Steuern und Zölle, geringe Umweltauflagen und vor allem arbeitsrechtliche Bedingungen, die noch deutlich unter den ohnehin niedrigen regulären Anforderungen des jeweiligen Landes liegen.

Die Probleme sind bekannt, doch wer will wirklich etwas verändern?

Zu den geringen Löhnen, Sozial- und Hygienestandards kommen für die Arbeiter auch noch die niedrigen Sicherheitsstandards hinzu. Der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch 2013 bei dem über 1100 Arbeiter starben und mindestens 2400 verletzt wurden, war nicht das einzige Unglück, das sich aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen ereignete. Durch mehrere Brände in anderen Fabriken starben weitere Menschen. Dabei hatten Mitarbeiter die verantwortlichen Mängel bereits vorher gemeldet. Die Unglücke und die folgenden Proteste der Arbeiter erhielten große mediale Aufmerksamkeit.

Als Antwort auf den weltweiten Aufschrei wurden verschiedene Bündnisse und Verträge abgeschlossen, die eine Verbesserung der Situation der Fabrikarbeiter versprachen. Wie zum Beispiel das „Bündnis für nachhaltige Textilien“, das der damalige deutsche Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nach dem Einsturz des Rana Plaza initiierte. Dieses Bündnis, dem sowohl Gewerkschaften und verschiedene Organisationen als auch Unternehmen angehören, will höhere „soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textil-Lieferkette erreichen“. Jedoch kritisieren viele NGOs wie die Clean Clothing Campaign und Vereinigungen wie Femnet und die Fair Wear Foundation, die sich für bessere soziale Standards, einen Existenzlohn und höhere Umweltstandards einsetzen, dass sich kaum oder nicht genug geändert habe. Die Festlegung von Zielen sei ein wichtiger Schritt, das Engagement wirklich etwas in der Praxis zu ändern jedoch zu gering.

Reicht der Trend "nachhaltige Kleidung" oder ist das noch zu wenig?

Trotz der Unglücke und den angestrebten Veränderungen machen große Modeunternehmen immer noch Milliardengewinne mit schneller, billig produzierter Mode. „Wenn ich da reingehe, dann sehe ich vor meinen Augen nur Textilmüll“, sagt Katharina Partyka über Fast Fashion Läden wie Primark & Co und schüttelt den Kopf, „und dann auch dieses Überangebot, wer kauft das denn noch?“. Katharina gehört seit einigen Jahren ein kleiner Fair-Fashion Laden in Köln. Dort verkauft sie fair gehandelte und nachhaltige Kleidung. Als sie ihren Laden kiss the inuit eröffnete, fehlte der öffentliche Diskurs um das Thema Nachhaltigkeit und Fairness in der Modeindustrie. „Am Anfang kamen hier echt einige Leute rein, die haben das Konzept überhaupt nicht verstanden.“ Aber inzwischen kämen immer mehr Menschen in ihren Laden, die sich mit den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Mode auseinandersetzen und ihre Kleidung aus Überzeugung bei ihr einkaufen würden.

Einige große, bekannte Labels nehmen Nachhaltigkeit als Trend in ihr Konzept auf. Sie verkaufen nachhaltige Kollektionen, die sie zuvor in groß angelegten Kampagnen bewerben. Katharina ist da skeptisch. Das alles sei ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch mehr Greenwashing für ein besseres Image als ernst gemeinter Fortschritt. „Das ist kein Trend, sondern das muss einfach sein“. Grüne Mode werde nur als Anreiz für die Konsumenten genutzt mit gutem Gewissen neue Kleidung zu kaufen. Das eigentliche Problem fiele dabei unter den Tisch. „Wenn ich mir ein Teil kaufe für 2€, was habe ich dann für eine Haltung zu diesem Produkt?“, fragt Katharina. „Dann fehlt einfach die Wertschätzung dafür und die Menschen, die es fertigen“. 

Wirken Zahlen mehr als Worte? - eine Kostenanalyse

Der finanzielle Wert eines Kleidungsstückes setzt sich aus den Material- und Verarbeitungskosten, sowie Transportkosten, PR-Kosten und dem Gewinn zusammen. Die Kosten, die dabei unter den Tisch fallen, sind die größeren. Laut einer Studie von Greenpeace verbraucht eine einzige Jeans 7000 Liter Wasser in der Herstellung. 3500 hormonell wirksame, krebserregende und anderweitig giftige Chemikalien werden genutzt, um zum Beispiel bunte Drucke herzustellen. Untersuchungen von Greenpeace zeigen mit Hilfe von Satellitenbildern, wie giftige Abwässer von den Fabriken über die Flüsse ins Meer gelangen und sich dann in der ganzen Welt verteilen. Forscher haben sogar in Gewebeproben von Eisbären die chemischen Substanzen nachgewiesen. Grundwasserproben zeigen, dass allein in China etwa 320 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Dazu kommen die Pestizide, für den Anbau von Naturgarnen wie Baumwolle und der hohe Wasserverbrauch. Der liegt laut dem Umwelt Bundesamt bei bis zu 26.900 m³ pro Tonne Baumwolle.

Im Rahmen einer Studie zum Kleiderkonsum in Deutschland hat Greenpeace Menschen zwischen 18 und 69 Jahren über ihren Kleiderkonsum befragt. Daraus geht hervor, dass im Durchschnitt jeder Erwachsene in Deutschland 95 Kleidungsstücke besitzt, wovon jedes fünfte ungetragen im Schrank liegt. Zusammen mit den Teilen, die nur selten getragen werden, machen sie etwa 40% des Kleiderschrankes aus. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt etwa drei Jahre, danach landen die Sachen im Müll. Jährlich sind das insgesamt etwa 750.000 Tonnen Altkleider allein in Deutschland. Recycelt wird nur ein Bruchteil davon. Ein Großteil wird nach Osteuropa oder Afrika verschifft und dort auf Märkten verkauft, was sich dort negativ auf die lokale Wirtschaft niederschlägt. Etwa 15 Prozent sind aufgrund ihrer qualitativen Minderwertigkeit nicht recycelbar und werden, da sie wegen ihrer Faserzusammensetzung nicht biologisch abbaubar sind, verbrannt.

Was sind unsere Konsequenzen?

Katharina hat ihre Konsequenzen aus dem Wissen um die Zustände in der Textilbranche gezogen und ihren Konsum umgestellt. Sie hat es sich sogar zum Beruf gemacht und gibt ihr Wissen und ihre Leidenschaft für das Thema an ihre Kunden weiter. Die Kleidung, die sie in ihrem Laden verkauft, muss bestimmte Kriterien erfüllen zum Beispiel spezielle Siegel haben, wie das GOTS-Siegel. GOTS steht für Global Organic Textil Standard. Die Kriterien dieses Siegels sind streng und deren Einhaltung wird genau überprüft. Sie umfassen nicht nur Nachhaltigkeitsaspekte wie die Verwendung biologisch erzeugter Fasern, die Einschränkungen bei der Verwendung von Chemikalien und die korrekte Entsorgung von Abfällen und Abwässern, sondern fordern auch Sozialstandards wie Mindestlohn, Gewaltfreiheit, sichere und hygienische Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmerrechte und das Verbot von Kinderarbeit.

Neben dem GOTS-Siegel gibt es noch viele weitere Siegel, wie das der Fair Wear Foundation, die sich auf die sozialen Standards konzentriert, die Fairtrade Siegel für Baumwolle und Textilstandards oder das IVN Siegel, das sich wie das GOTS Siegel auf soziale und nachhaltige Aspekte konzentriert. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat anhand der Kriterien Glaubwürdigkeit, soziale und nachhaltige Standards eine Liste von Siegeln bewertet. Dabei wurden nur zehn als sehr gut eingestuft und weitere sechs als gut. Viele weitere Siegel wurden als unzureichend erachtet, da die Standards nicht von unabhängigen Organisationen festgelegt werden.

Weniger Kleidung ist manchmal mehr...


Eine Alternative zu fairer und nachhaltiger Mode ist secondhand Kleidung. Die meisten Produkte auf dem secondhand Markt sind zwar konventionell produziert, jedoch verlängert der Verkauf von Ware aus zweiter Hand deren Lebensdauer. Die ist ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Dadurch entfällt die Neuproduktion, Wasser wird gespart und weniger CO²-Emissionen entstehen. Dazu kommt für den Verbraucher, dass die Kleidungsstücke günstiger sind und durch das Tragen und Waschen sich weniger Chemikalien in den Fasern befinden. 

Trotz der zunehmenden Thematisierung der Probleme der Textilindustrie und des aufkommenden Trends Nachhaltigkeit sind viele Probleme noch immer ungelöst. Wasser- und Bodenproben, die im Rahmen von Greenpeace oder WWF Studien genommen werden, zeigen immer noch bedenkliche Werte und die Arbeiter in den Textilfabriken protestieren nach wie vor für faire Löhne, Sicherheits- und Hygienestandards. „Ich hoffe, dass da irgendwann mal ein Umdenken stattfindet“, sagt Katharina, „weil das, was die Modeindustrie da macht, für Mensch und Planet einfach nicht mehr gesund ist.“

Falls der Artikel dein Interesse an dem Thema geweckt hat, schau dir doch mal den Film “the true cost” auf Netflix an.

Hier der Trailer:

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