Startseite | Short Stories | Magazine | Supermarkt

Supermarkt

Schon immer wurden Parabeln und kleine Fabeln verwendet, um das Leben besser verstehen zu können. In dieser Kategorie gibt es deshalb regelmäßig kleine, alltägliche Kurzgeschichten von mir, die Euch zum Nachdenken und hoffentlich auch zum Schmunzeln bringen sollen. 

Das erste Mal...

Das erste Mal sah sie ihn, als sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie zum Abendessen größere Lust auf Lachsfilet oder Salamipizza hatte. Sie starrte völlig gedankenverloren in die geöffnete Tiefkühltruhe des Supermarktes und wägte ab, ob sie Geld sparen (die Salamipizza) oder sich gesund ernähren wollte (das Lachsfilet). Dann überlegte sie, dass sie mit dem Lachsfilet auf lange Sicht eher Geld sparen würde. Sie dachte an Diskussionen über transparente Patienten und wie ihre Krankenkasse vielleicht schon jetzt genau registrierte, dass ihr Fertiggerichtekonsum der Auslöser für eine spätere Diabetes sein würde. Während sie da stand und letztlich noch einen Seitenblick auf die Fischstäbchen warf, von dessen Panade ihr schon als Kind immer schlecht geworden war, merkte sie plötzlich, dass sie beobachtet wurde. Ein junger Mann, Ende Zwanzig, groß, braun gebrannt mit dunklen Haaren blickte immer wieder zu ihr, während er die Packungen mit Rahmspinat aus dem Einkaufswagen neben ihm sortierte. Eine Hitze begann ihr von der Magengegend in den Kopf zu steigen. Sie merkte, wie ihr Körper zu vibrieren anfing. Schnell griff sie nach dem panierten Fisch und eilte damit zur Kasse. An diesem Abend bestellte sie sich chinesisches Essen nach Hause.

Den Kopf betäubt von einem grauen, dunstigen Nebel

Das zweite Mal sah sie ihn, als sie versuchte, eine der durchsichtigen Plastiktüten an der Obsttheke zu öffnen, um ein paar Äpfel für die französische Tarte aux pommes zu kaufen, die sie backen wollte. Eigentlich war es ein einfacher Apfelkuchen, aber sie fand, dass sich Tarte exklusiver anhörte. Sie rieb die Tüte zwischen ihren Fingern hin und her und es dauerte eine halbe Ewigkeit bis der dünne Plastikstoff endlich auseinanderging und sie das Obst in die Tüte füllen konnte. Als sie von der Apfelkiste aufblickte, trafen sich plötzlich ihre Blicke. Er war gerade dabei, die Preisschilder an den Wassermelonen auszutauschen, als sie beide gleichzeitig hochsahen. Schnell nahm sie die Äpfel und legte sie in den Einkaufswagen. In ihrem Kopf rauschte es, sie merkte wie sie rot wurde und dann, den Kopf betäubt von einem grauen, dunstigen Nebel plötzlich vor den Damenbinden stand. Sie brauchte keine Damenbinden. Was sie wirklich brauchte, war das Mehl für die Tarte, das sich gegenüber der Obsttheke befand. An diesem Mittag ging sie ohne Mehl und mit einem Multipack Damenhygieneprodukten nach Hause.

Der Mann im Backautomaten

Das dritte Mal sah sie ihn, als sie mit Julie, ein Baguette für einen Grillabend besorgen wollte. Sie standen vor dem großen Backautomaten des Supermarktes und amüsierten sich über den Gedanken, dass darin ein kleiner Mann saß, der schwitzend und im Akkordtempo Teig knetete und französische Brote backte. Es störte sie nicht, dass die Leute schon die Augen über die kindischen Albernheiten verdrehten, die sie beide so zum Lachen brachten. Sie lachte nicht mehr, als sich neben ihr die Luke des Backautomaten öffnete und sie ihm direkt in die dunklen Augen schaute. Er war damit beschäftigt, helle, teigige Brötchen auf einem Blech zu verteilen. Julie machte einen Witz über den Mann aus dem Backautomat. An diesem Nachmittag überzeugte sie ihre Freundin von der Notwendigkeit, lokale Bäckereien zu unterstützen.

Das vierte Mal sah sie ihn, als sie sich auf der Suche nach einem Aktionsprodukt aus dem Wochenendprospekt befand. Ein Doppelpack Badehandtücher. Eines rot-weiß gepunktet, das andere grün und übersät mit kleinen blauen Muscheln. Sie wunderte sich über die unstimmige Farbkombination des Zweierpacks. Doch in ihr Badezimmer passten rote Punkte ganz genauso wie blaue Muscheln. Sie begann in den großen Körben voller Handtücher zu wühlen. Massenhaft Frottee bedruckt mit kleinen Seepferdchen und rosa-weißen Streifen, aber keine Punkte und blaue Muscheln. Ihr Blick fiel zuerst auf den Einkaufswagen, auf das satte Rot des Handtuchs, das sie dort entdeckte, bevor sie aufblickte und erkannte, zu wem der Wagen gehörte. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, die Arme voller Badetücher. Schnell griff sie zu den Seepferdchen und den rosa-weißen Streifen. An diesem Morgen entschied sie, das Badezimmer umzudekorieren.

Ihr Hals wurde ganz trocken, sie nickte nur

Das fünfte Mal sah sie ihn, als sie sich nach Wochen ohne Fleischkonsum, ein Steak zum Mittagessen zubereiten wollte. Sie rechtfertigte dies als Belohnung für ihr Durchhaltevermögen und dass ihr fünfwöchiger Verzicht schon fortschrittlicher als das Verhalten des Großteils der Menschheit war. Während sie in der Schlange vor der Fleischtheke stand, überlegte sie hin und her, ob sie sich lieber für die Knoblauch- oder die Kräutermarinade entscheiden sollte. „Wir haben jetzt auch vegetarische Schnitzel im Angebot,“ hörte sie eine warme dunkle Stimme sagen. Sein Blick war auf die vegane Wurst in ihrem Einkaufskorb gerichtet, die sie nur mitgenommen hatte, weil ihr die bunte Schrift darauf so gut gefiel. Ihr Hals wurde ganz trocken, sie nickte nur. Dann drehte er sich um und widmete sich wieder dem Einräumen des Müsliregales. Als sie an der Reihe war, bestellte sie drei vegetarische Schnitzel. An diesem Vormittag googelte sie Dokumentationen über Massentierhaltung.

Jetzt konnte sie nicht mehr fliehen

Das letzte Mal sah sie ihn, als sie an der Kasse stand. Sie war schon ganz ungeduldig, weil das Kassenband halb leer war, doch der sperrige Kinderwagen der Frau vor ihr, es unmöglich machte, etwas darauf zu legen. Würde eine große Papiertüten ausreichen oder brauchte sie zwei? Sie hoffte, dass es nicht wieder regnen würde und wünschte sich die Zeit der Plastiktüten zurück. Dann dachte sie an die Klimaerwärmung und schämte sich für ihre egoistischen Gedanken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er an der Kasse saß. „Guten Tag.“ Seine warme Stimme fuhr wie ein heißer Blitz durch ihren Körper. Die Bananen und den Joghurt hatte er schon über den roten Streifen der Kasse gezogen. Jetzt konnte sie nicht mehr fliehen.

Ein Schleier lag über ihren Augen

Ihre Hände begannen zu vibrieren. Er lächelte sie an, während er ihren Einkauf Stück für Stück scannte. Piep, piep, piep. „Das macht dann 43 Euro und 64 Cent.“ Sie öffnete zitternd ihr Portemonnaie. Sie konnte nichts erkennen, ein Schleier lag über ihren Augen. Sie kramte und kramte in der kleinen schwarzen Geldbörse und nach einer Ewigkeit und wie durch ein Wunder schaffte sie es, einen 50 Euro-Schein hervorzuholen. Er nahm ihn lächelnd entgegen und gab ihr das Rückgeld, welches sie hastig verstaute.

Sie hatte sich schon umgedreht, bereit zu gehen, da hört sie ihn fragen: „Hast du schon unsere Bonuskarte?“ Sie schüttelte langsam den Kopf. Er holte ein kleines Kärtchen mit vielen weißen Feldern unter der Kasse hervor und drückte es ihr in die zitternde Hand. „Damit kannst du bei jedem Einkauf bei uns Punkte sammeln und wenn dein Kärtchen voll ist, bekommst du 25% Rabatt.“ Er lächelte immer noch. Sie nickte langsam und steckte das Kärtchen schnell in ihre Hosentasche. „Ich wünsche dir noch einen schönen Tag!“ rief er ihr hinterher, als sie mit den vollen Tüten zum Ausgang eilte. In ihrer Hosentasche spürte sie die spitzen Papierkanten der Bonuskarte.

An diesem Tag entschloss sie, sich einen anderen Supermarkt zu suchen.

Headerbild: © Laura Waldschmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.