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Mobbing

Ich bin allein. Ganz allein in einem Raum voller Menschen. Menschen, die lachen und dumme Witze machen und jedes Mal fühlt es sich an, als würden sie sich nur über mich lustig machen. Als wäre jedes Wort, jeder Satz ein Hieb in meine Richtung. Ich fühle, wie die Hitze in meinen Kopf steigt und denke mein Kopf müsse rot leuchten, wie ein Warnschild. Als würde mein Körper nur so nach Aufmerksamkeit lechzen aber das ist genau das Letzte, was ich möchte.

Lieber würde ich unsichtbar werden. Der Boden solle sich auftun und mich verschlucken, damit ich sicher bin, vor all diesen Blicken, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie überhaupt mir gelten. Ich fühle mich so unsicher in meiner Haut, ich würde gerne jemand anderes sein, ein unbeschriebenes, hübsches Blatt. Aber ich bin ich und ich wandle auf einem schmalen Grad zwischen Tränen und Hysterie. Mir wird schlecht, meine Augen werden feucht und ich weiß, wenn ich mich bewege, falle ich.

Jeden Morgen hatte ich Angst vor dem Tag

Ich hatte eine Zeit in meinem Leben, in der ich nicht wusste, wie ich weiter so leben könnte. In der sich jeder Tag anfühlte, wie ein neuer Tag in der Hölle und in der ich mich schon morgens so elendig fühlte, dass ich mir wünschte, der Tag wäre schon vorbei. Ich wollte lieber im Bett bleiben und mich in bessere Welten träumen. Aber stattdessen musste ich wieder zurück zu den Menschen, die mir das Gefühl gaben, Abschaum zu sein. Und so ging ich jeden Morgen mit diesem Kloß im Bauch aus der Tür. Einem riesigen Kloß voller Angst, immer darauf bedacht, mir nichts anmerken zu lassen, nicht schwach zu wirken. Mich so unauffällig zu bewegen, dass mich keiner beachtete. Und jedes Mal, wenn jemand lachte oder kicherte oder nur eine dumme Bemerkung machte, fühlte ich mich sofort angegriffen und zog den Kopf ein.

Ich habe in dieser Zeit mit niemandem wirklich über meine Probleme gesprochen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir irgendjemand da raus helfen konnte. Meine Eltern haben bestimmt gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Wie auch nicht, wenn das Kind ständig schlecht drauf ist oder weint und sich komplett abschottet. Aber so ist die Pubertät halt, oder nicht? Meine Schwester war in ihrer eigenen Welt mit eigenen Problemen und ich wollte nicht, dass sie sieht, wie schlecht es mir geht. Ich habe mich so schon wie ein schwarzes Schaf gefühlt. Meine Lehrer hatten mehrmals bewiesen, dass sie einfach nicht richtig damit umgehen konnten. Wie sollte es helfen, wenn sie vor der ganzen Klasse über den richtigen Umgang miteinander sprachen? Jeder wusste sofort, warum diese Predigt gehalten wurde und das machte das Ganze nur noch viel schlimmer.

Mitmachen oder still zusehen

Diejenigen die von meiner Situation wussten, haben entweder mitgemacht oder nur still zugesehen und gar nichts getan. Ich habe das verstanden. Jeder hatte seine eigene Art zu verhindern, nicht selbst zur Zielscheibe gemeiner und vollkommen lächerlicher Kommentare zu werden. Die wenigen Freunde, die ich hatte, standen immer hinter mir. Still und unauffällig. Aber sie waren da und gaben mir den nötigen Halt, um nicht vollkommen unterzugehen. Die einzige Zeit, in der ich mich noch wirklich wohl fühlte, war beim Training. Auch dort gehörte ich nicht zu den Beliebten aber wir waren eine Mannschaft. Dort erhielt ich den Respekt meiner Mitspielerinnen wegen meiner Leistung und nicht, weil ich die schicksten Klamotten hatte oder weil ich bei den Jungs so beliebt war. Sport war der wichtigste Bestandteil meines Lebens. Er gab mir Halt, Ablenkung und ein Ventil, um meinen ganzen Stress und meine Angst loszulassen.

Es hat lange gedauert bis ich einen Ausweg für mich gefunden hatte. Ich wusste, warum meine Mitschüler mich mobbten, ich habe immer eine gute Zielscheibe geboten. Wenn jemand meine Freunde angriff, dann stellte ich mich dazwischen, ich habe mich für sie gewehrt. Ich war vielleicht ein wenig naiv und dachte, wenn ich immer offen und freundlich auf neue Menschen zugehe, dann sei das etwas Gutes. Aber ich musste lernen, dass Menschen nicht immer auf Situationen reagieren, wie ich es tun würde. Und dass es Menschen gibt, die in meinen Augen völlig irrationale Entscheidungen treffen, weil sie Angst haben, anstatt darüber zu reden. Und ich musste lernen, dass ich rein gar nichts gegen das Mobbing machen konnte. Außer mir ein dickes Fell zuzulegen und abzuwarten bis es meinen Mobbern zu langweilig wurde.

Irgendwann platzte der Knoten

Das erste Mal, dass ich jemandem alles erzählt habe, war völlig ungeplant. Es war besser geworden in der Schule. Die Attacken, die noch kamen, prallten meist einfach nur noch an mir ab, auch wenn es immer noch Situationen gab, in denen ich mich elendig fühlte. Ich hatte von einer Cybermobbing Aktion gegen mich erfahren, die an sich eigentlich unbedeutend war, im Gegensatz zu allem, was vorher passiert war. Aber sie brachte mein Fass zum Überlaufen und als ich einmal angefangen hatte zu weinen, platzte der Knoten und all mein Frust, meine Angst, meine Wut kamen auf einmal heraus. Ich habe mich lange mit meiner Freundin unterhalten und es war ein gutes Gefühl, dass mir jemand zuhörte. Jemand der mir keine Tipps geben, oder mich retten wollte, sondern einfach jemand, der mich in den Arm nahm, mir Mut zusprach und mir sagte, dass mit mir nichts falsch sei.

Letztendlich habe ich irgendwann die Schule gewechselt. Nicht weil ich noch gemobbt wurde, sondern weil ich einfach genug hatte von meinen Mitschülern. Ich konnte sie nicht mehr ertragen, wie sie taten, als sei überhaupt nichts gewesen. Ich kann nachvollziehen, warum sie so gehandelt haben aber ich habe absolut kein Verständnis dafür. An der neuen Schule habe ich alles seinen Lauf nehmen lassen und als sich meine neuen Mitschüler an mich gewöhnt hatten, wurde ich auch gut aufgenommen. So wie ich war und nicht so wie andere mich haben wollten. Ich wollte aus meinen Erfahrungen die richtigen Schlüsse ziehen und so die richtigen Entscheidungen treffen, einfach ich zu sein und nicht darauf zu hören, wie andere über mich urteilen. Die Angst nicht angenommen zu werden, war weg und so hatte ich nicht das Gefühl mich irgendjemandem als mir selbst beweisen zu müssen.

Inzwischen rede ich sehr offen über das Thema Mobbing und meine persönlichen Erfahrungen, wer mich kennen lernt, soll ruhig erfahren, wer ich bin und warum ich so bin. Ich schäme mich nicht mehr dafür, weil ich weiß, dass ich nicht die Schuld an dem, was passiert ist, trage und das Mobber nur ihre eigenen Unsicherheiten und Komplexe mit ihrem Handeln verstecken wollen. Ich werde wahrscheinlich nie vollständig darüber hinwegkommen, aber ich kann damit gut leben, denn dadurch bin ich die, die ich heute bin und das ist gut so.

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