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Im Rausch der Selbstzweifel

Selbstzweifel, wer hat die nicht, denke ich mir und weiß, dass dieser Gedanke nicht mehr hilft als ein Regenschirm bei einem stürmischen Unwetter. Mein Gewissen mit Floskeln zu beruhigen ist eine Art Prokrastinieren. Das ungute Gefühl noch eine Weile vor mir herschieben, bis ich gegen eine Wand stoße, es mich überfällt und auffrisst. Dramatische Worte für eine Sache, die wohl jedem ab und an passiert. Gewalttätige Worte, doch genau so fühlt es sich für mich an, wenn mein selbstgebrauter Shitstorm über mir hereinbricht. Doch warum machen wir uns eigentlich so gerne selber fertig, wenn das auch andere liebend gerne für uns übernehmen?

Sich selbst anzuzweifeln ist natürlich in erster Linie nichts Negatives. Schließlich wären wir sonst nicht in der Lage uns selbst und unser Verhalten zu reflektieren. Doch im Zeitalter der unendlichen Möglichkeiten scheinen sich die Selbstzweifel in einer Art Endlosschleife aufgehängt zu haben. Das ständige Hinterfragen sämtlicher Entscheidungen und sind sie noch so banal, raubt nicht nur Zeit für schöne Gedanken, sondern zerstört auch viele schöne Momente, die im Nachhinein wie von selbst zerpflückt werden. In der ständigen Reflexion gefangen, beginnen sich Erwartungen zu formen. An sich selbst, an andere, Erwartungen, die oft enttäuscht werden. Denn wir legen die Messlatte gerne hoch. Viele Erwartungen, die wir an andere haben, werden gar nicht ausgesprochen. Wir erwarten, dass andere unsere Erwartungen erraten und uns glücklich machen. Was könnte dabei nicht schief laufen?

Selbstverwirrung – eine beliebte Taktik

Wie schnell und stark Selbstzweifel hereinströmen können, haben wahrscheinlich die meisten schon zu spüren bekommen. Wie bei einem Dammbruch fluten sie über uns hinweg und spülen alles Selbstbewusstsein und jeden Funken an Selbstliebe davon. Nicht selten verselbständigt sich das Gefühl, nicht richtig zu sein und nichts richtig machen zu können. Und manchmal weiß man gar nicht wie einem geschieht, wenn es geschieht. Ein falscher Blick, ein Kommentar oder eben eine Erwartung, die nicht erfüllt wird und alles ist vorbei. Hab ich etwas Falsches gesagt? Empfindet mich mein Gegenüber als nervend oder hab ich eine Grenze überschritten? Stück für Stück werden Erlebnisse oder Momente aufgerollt. Von vorne nach hinten und wieder zurück, jeder Blick, jedes Wort, jede Geste könnte von Bedeutung sein. Das Analysieren und zweifeln, verwirrt immer mehr und am Ende bleibt man meist erschöpft in der Ratlosigkeit gefangen.

Und so bleibt uns ein Leben in chaotischer und destruktiver Reflexion. Denn wo Reflexion an sich das Mensch sein ausmacht und auch positive Veränderung bedeuten kann, ist Reflexion im chaotischen Sinne ein Sturm an Vorwürfen und der Suche nach mehr Fragen als Antworten. Vielleicht sollte Reflexion deshalb reflektierter stattfinden, Reflexion im Sinne des bedachten Hinterfragens, so objektiv und mehrdimensional wie möglich. Und vielleicht sollte Reflexion auch mehr im Raum stattfinden, in einem Zwischenmenschlichen Raum, wo Meinungsaustausch und Philosophie eine Reflexion sinnvoll begleiten, ohne das das rationale Denken in irrationale Zweifelei abgleitet.

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