Drag Queen
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Das Phänomen Ru Pauls Drag Race – ein Selbstversuch!

Eine Nacht lang in High Heels und Pailletten-Kleid durch die Kölner Innenstadt. Für einige Frauen normal, aber für Lenni (28) eine ganz neue Erfahrung. Der neue Hype „RuPauls Dragrace” aus den Staaten, hat nicht nur die Schwulenszene überzeugt, sondern auch viele andere Fans gewonnen.

Was passiert aber wenn ein Mann in die Rolle einer Frau schlüpft und wie offen sind die Leute Drag gegenüber wirklich? Lenni hat Drag ausprobiert und machte eine interessante Erfahrung. Wenn man das Wort „Dragqueen“ hört, denken viele Menschen an verkleidete Männer oder an die Kult-Castingshow RuPauls Dragrace, die aus Amerika rund um die Welt gegangen ist. Mittlerweile gibt es alle Staffeln bei Netflix zu sehen und wer in der Queerszene unterwegs ist, der wird die Namen der Kandidatinnen Alaska Thunderfuck, Detox und Violet Chachki mit Sicherheit kennen.

Im Vordergrund steht der Entertainmentcharakter: Viele Eklats, Tränen fließen und Männer, die an ihrer Grenzen stoßen und mit anderen ihres Gleichen krasse Bitchfights führen. Jedoch soll die Sendung nicht nur unterhaltend sein. Es zeigt auch eine Subkultur. Sie weist darauf, dass es innerhalb des heteronormativen bipolaren Geschlechtersystems auch eine Art drittes Geschlecht gibt.

Männer in Frauenklamotten?

Dragqueens sind Männer, die in die Rolle von bekannten weiblichen Persönlichkeiten schlüpfen oder sich selbst einen schrillen weiblichen Charakter erschaffen. Mit Humor und viel Sarkasmus bringen sie dann die Leute zum Lachen. Manche schaffen es mal mehr, manche mal weniger und andere überzeugen durch diverse Talente, wie Tanz oder Gesang. Von vielen Queer-Menschen werden in der Schwulenszene, Dragqueens als Galionsfigur gesehen.

Diese Form von Unterhaltungskunst ist nicht nur Entertainment, dahinter steckt mehr!

Ich habe Lenni kennengelernt: Ein aufgeweckter, sympathischer Kerl, der ein Fan von Ru Pauls Dragrace ist und gerne mal selbst in die Rolle seiner Lieblingskandidatinnen schlüpfen würde. Er selbst sieht sich nicht als Dragqueen und möchte es auch nicht zu seinem Beruf machen: „Ich würde gerne mal sehen, wie ich als Frau ausschauen könnte und was Make Up und Frauenkleidung mit mir macht.“ Der 28-Jährige hat nicht das Bedürfnis eine Frau zu sein – ganz im Gegenteil, er fühlt sich mit seinem Geschlecht sehr wohl. Es ist zum einen der Reiz seiner Lieblingssendung nachzueifern, was vielleicht viele kennen. Zum anderen will er etwas Neues ausprobieren, um versteckte Wesenszüge zum Ausdruck zu bringen und  diesen ein Gesicht zu verleihen.

24 Stunden als Dragqueen – das Experiment

Warum denn nicht mal ausprobieren? Lenni hat Häppchen aufbereitet, der Sekt steht kalt und die ersten Freunde und Bekannte kommen zum großen Umstyling-Event vorbei. Vicky (38) ist Make-Up Artistin und wird dem quirligen Lenni ein Drag Make-Up verpassen. Sie sagt: „Lennart hat mir einige Fotos geschickt und mir gezeigt, wie er gerne aussehen würde. Wenn ich aber Drag Make-Up mache, ist mir auch die Persönlichkeit wichtig – das heißt, welche Charaktereigenschaft will er zum Ausdruck bringen?“ Das ist deswegen so wichtig, da es nicht nur eine Maske sein soll, sondern auch ein Gesicht mit dem sich der frisch gebackene Drag Queen-Künstler identifizieren kann.

Das Make Up dauert sieben Stunden, in dieser Zeit wird viel gelacht, geredet und auch vorbereitet. Zum Beispiel: Schaumstoffpolster, um Hüfte und Brust hervorzuheben. Es ist mittlerweile abends und Lenni hat sich total verändert. Ich erkenne ihn nicht wieder. Ganz stolz läuft er in High Heels von Zimmer zu Zimmer und bringt alle zum Lachen, mit der Parodie einer russischen Bordellchefin „Sukki“. Als wir nach Draußen gehen und durch die Kölner Innenstadt flanieren, stoßen wir auf neugierige, schon fast ablehnende Blicke.

und starren oder schütteln abwertend den Kopf. Es war klar, dass wir für Aufsehen sorgen werden aber nicht, dass wir auf harte Ablehnung treffen. Ich habe etwas Angst, denn man spürt, dass eine gewisse Aggression von manchen Männergruppen hervorgeht, die an uns vorbeilaufen. Ich merke, dass auch der scherzende Lenni oder eher “Sookie” unangenehm berührt ist. Er spielt es runter und versucht durch Witze die Situation zu entschärfen und aufzulockern. Selbst als wir uns auf der Schaafenstraße aufhalten, die für ihre Offenheit gegenüber der Queereszene bekannt ist, wird Sookie nicht akzeptiert, sondern eher geduldet.

Nach einer Stunde möchte Lenni nach Hause, seine Füße tun ihm weh und er fühlt sich nicht wohl. Wir begleiten ihn und ein Freund trägt ihn auf dem Rücken. Als wir in seiner Wohnung ankommen, frage ich ihn ein letztes Mal, wie ihm das Experiment gefallen hat. Die Erschöpfung steht ihm ins Gesicht geschrieben: „Es war eine Erfahrung, die ich nicht nochmal machen möchte“, sagt er zum Abschluss und zieht seine Perücke ab. Der erschöpfte Partylöwe lässt seine Erfahrungen revue passieren und ist glücklich, es gemacht zu haben. Denn neben den blöden Kommentaren, gab es auch positiven Zuspruch für den Drag Queen- Newcomer.

Es ist dennoch Schade, dass ein so mutiges und persönliches Selbstexperiment, von vielen “offenen” Menschen nicht unterstützt wird. Viele bauen eine Nichtakzeptanz gegenüber Dingen auf, die sie nicht kennen und lassen keinen Platz für Neues. Drag Queen zu sein ist nicht für jeder Mann etwas. Das Aussehen erregt enorm viel Aufmerksamkeit, egal ob positive oder negative, dessen sollte man sich bewusst sein. Jedoch ziehe ich vor vielen Dragkünstlern den Hut, denn es ist nicht nur viel Arbeit sich in eine Persönlichkeit zu verwandeln – nein, es ist auch ein emotionaler und psychischer Druck der von gesellschaftlichen Normen, hervorgeht und dem man stand halten muss.

Köln steht bekanntlich für seine Offenheit und Frohkultur, jedoch anscheinend nur dann, wenn gerade Karneval ist, danach werden die Kostüme in Kisten gepackt und böse Gesichter aufgesetzt. Schade!

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