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S/W

Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne scheint und alles wirkt fröhlich und lebendig. Doch in mir macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit – jetzt ist es wieder soweit. Mein Blick ist fokussiert, ich zittere und mein Herz schlägt durch meinen Brustkorb hindurch. Ich fühle nichts, nur Leere und eine unbegründete Angst, die mich in die Regungslosigkeit treibt. Hallo Panik, schön, dass du wieder da bist! Wie komme ich nur dagegen an?

"Wenn die Welt auf einmal aufhört zu sein"

Nicht nur ich kenne dieses Gefühl der Hilflosigkeit, viele Menschen klagen über Panikattacken –„Wenn die Welt auf einmal aufhört zu sein“. Man fühlt sich nicht verstanden und wenn es zu einem Breakdown kommt, können wenige etwas dagegen tun. Freunde, Familie, Kollegen und Bekannte verstehen nicht, was mit dir passiert und fühlen sich ratlos. Meistens verfallen sie selbst in Panik und haben Angst, weil sie nicht helfen können.

Die erste Attacke hatte ich mit 29 Jahren als ich mit einer Freundin in meinem Zimmer saß und wir Tee schlürften. Ich hatte mir einfach zu viele Ziele gesteckt, arbeitete bis in die späte Nacht und ein Privatleben gab es für mich schon lange nicht mehr. Plötzlich erkannte ich eines Tages, dass ich gerade dabei war, mich selbst komplett in allem zu verlieren. Ich sah mich nicht mehr als Menschen, ich wusste nicht mehr wer ich war, was mich ausmachte oder wer meine Freunde waren. Das war zumindest die Diagnose meines Therapeuten. In der Therapie habe ich viel über mich selbst gelernt und auch was es bedeutet, nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst einzustehen und Verantwortung zu übernehmen.

Die Flucht aus der Angst

Alles wurde zu viel – ich hatte das Gefühl zu ersticken! So konnte es einfach nicht mehr weitergehen. Es war an der Zeit mein Leben umzukrempeln. Ich setzte meiner überteuerten Theaterausbildung ein Ende, sowie meiner lieblosen Beziehung zu meinem Freund. Meine Projekte liefen seit langem nicht mehr gut und auch hier musste ich mich trennen. Wohnungssuchend flüchtete ich mich in die kölner WG-Gesucht-Anzeigen und hoffte ein neues Zuhause mit Wohlfühlcharakter zu finden. Und obwohl in mir das Gefühl inne wohnte, dass ich alles verloren hatte, was mir vorher wichtig war – war es dennoch ein Befreiungsschlag.

Mit der Freiheit kam aber auch die große Ungewissheit. Ich trat die Flucht an, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wollte nur noch weg und alles hinter mir lassen. Deswegen sollte ein Flugticket nach #Egalwohin her und ein gut gepackter Koffer. Doch leider konnte ich das Reisen immer weniger genießen, mich überkamen Angstzustände und ich fühlte mich ständig unwohl.

Menschen, die an Panikattacken leiden, entwickeln mit der Zeit Tricks, wie sie die Situation unter Kontrolle bekommen. Als es bei mir noch ganz frisch war, hatte ich keinen Mechanismus, der mich wieder aus dem Angstzustand heraus holen konnte. Eines Tages griff ich zu meiner Kamera und nahm mir vor, all das, vor dem ich Angst hatte, zu fotografieren. Ich bemerkte, dass sich meine Sicht auf die Dinge veränderte. Jedoch so ganz wie von Zauberhand ließen die Panikattacken nicht nach, ich musste viel daran arbeiten und mich richtig auf die Fotografie einlassen um Fortschritte zu erzielen.

Die Kamera war das Ventil für meine Angst

Wenn sich ein mulmiges Gefühl breit machte, versuchte ich durch das Medium Kamera einen Ausweg aus der Angst zu suchen. Was war es, das mich panisch machte? Wovor ich letztendlich Angst hatte, war das Gefühl die Kontrolle zu verlieren und durchzudrehen. Ich hatte keinerlei Vertrauen zu niemandem und am wenigsten zu mir selbst. Zu dieser Zeit gab mir die Kamera die Sicherheit, dass ich mich an etwas festhalten konnte. Das Fotografieren bedarf großer Konzentration und diese half mir, mich wieder zu beruhigen, zusätzlich wurde ich durch die Suche nach Motiven oder den passenden Augenblicken, von den Gedanken, die mich in Angst versetzten, ablenkt. Plötzlich war ich wieder mitten drin im Geschehen. Schritt für Schritt konnte ich wieder an normalen Aktivitäten teilnehmen, zuerst nur mit der Kamera im Schlepptau und irgendwann konnte ich sie auch mal Zuhause lassen.

In dieser Zeit habe ich gelernt, wie viel Arbeit darin steckt, sich selbst kennenzulernen und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Außerdem sollten wir mehr darauf achten, was uns wirklich wichtig ist und dafür einstehen. Der Satz “Das ist mir wichtig!” hat mir unter anderem auch schon sehr oft dabei geholfen. Es gab Zeiten, in denen ich mehr auf meine Umwelt geachtet habe und auf das typische “es jedem Recht zu machen”. Ich denke, dass ich damit nicht alleine bin und der Mensch ständig nach Anerkennung und Liebe sucht. Das bringt uns dazu, auf alles andere zu achten, nur nicht auf uns selbst. Jetzt wäre es auch an der Zeit meinen Therapeuten wieder zu Wort kommen zu lassen, der mich eines Bessern belehrt hat! Er hat mich davon überzeugt, dass wir alles, was wir suchen, nur in uns selbst finden können.

Selbstliebe ist nicht immer selbstverständlich

Nein, ich bin nicht eine von den überzeigten Weltverbesserern, die regelmäßig ins Oshozentrum gehen, ich zünde mir nur selten mal ein Räucherstäbchen an, um den fürchterlichen Geruch aus der Küche zu übertünchen, ich bete keine Bäume an und ich versuche nicht Menschen zu bekehren ihr Wlan Nachts auszuschalten, ganz zu Schweigen von bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit anderen Menschen und Drogen in einem stickigen Zelt und dreißig gemeingefährlichen Kerzen. Dennoch steckt in diesem bekannten Satz viel Wahrheit und auch wenn es sich so einfach anhört, sollte man es nicht unterschätzen, wie viel Mühe es macht, sich selbst zu begeistern, anzuerkennen, zu loben, sich zu lieben und noch vieles mehr, womit man sich selbst befriedigen kann.

Die Fotostrecke;„S/W“ ist auf meinen Reisen in Kalifornien und New York entstanden. Später habe ich in Südostasien meine Reise fortgesetzt und auch dort meine Erinnerungen in Form von Lichtbildern festgehalten. Angekommen in der nördlichen Hemisphäre, genauer in Deutschland, habe ich weitere Momentaufnahmen gemacht und sie in meine Fotostrecke eingebaut. Ich habe viel mit Kontrasten gearbeitet, so wirken die Fotografien eher kalt und düster. Tatsächlich mag ich das Gefühl, das die Fotos zum Ausdruck bringen.

Fotografie hat viel mit Technik und dem Stil zu tun, mit dem ein Fotograf seine Fotos macht. Dennoch habe ich die romantische Vorstellung, dass sich hinter vielen Fotografien auch Aussagen oder Geschichten verbergen. Am Ende des Tages ist es jedem selbst überlassen, was er oder sie in einem Foto sieht und welches Gefühl übermittelt wird.

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