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Protest ist keine Eintagsfliege

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Es ist Sommer, es ist warm, Fridays for Future hat zu Demonstrationen aufgerufen. An den Treffpunkten tümmeln sich die Menschen. Von jung bis alt, sie haben Plakate dabei und stimmen Gesänge an. Ein Jahr später, es ist Mai und eine Protestwelle ergreift die Welt, mitten in der Corona Pandemie. Sie protestiert gegen Rassismus, gegen die Polizisten, die in den USA einen Schwarzen ohne Not getötet haben. Auf Instagram kursieren schwarze Bilder mit dem Hashtag #blackouttuesday. Versteht mich nicht falsch, ich bin für Klimaschutz und gegen Rassismus. Es ist gut, wenn Menschen auf Missstände reagieren und dagegen protestieren. Aber können wir das auch aktiv, statt nur reaktiv?

In den letzten Jahren kam es häufiger zu solchen Aktionen, Empörungswellen wie Trends. Gesellschaftliche und politische Missstände wurden öffentlich und medial diskutiert und angeprangert, so weit so gut. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft schließlich vom Diskurs. Doch gefühlt schwindet mit dem Rückgang der Berichterstattung auch die Empörung aus den meisten Feeds. Wie kann es sein, dass wir uns nur temporär aufregen, wenn wir nicht das Gefühl haben, persönlich davon betroffen zu sein? Wenn wir aufstehen, sollten wir es uns nicht gleich wieder gemütlich machen, politischer Protest ist keine Reise nach Jerusalem. Es ist mühselig und oft hat man das Gefühl, man würde wie Sisyphos täglich denselben Stein den Berg hochrollen, ohne jemals dort oben anzukommen. Aber so ist das eben. Missstände sind nicht so leicht zu überwinden, sonst gäbe es sie nicht schon so lange.

Es ist immer ein Anfang, wenn Menschen auf schlimme Ereignisse reagieren, wenn sie empört sind, protestieren und Gerechtigkeit einfordern. Aber es ist eben nur ein Anfang. Ein Beispiel das schon etwas länger zurückliegt ist der Einsturz des Rana Plaza in Bangladesh 2013 bei dem über 1000 Menschen starben. Kurz nach dem Ereignis wurden Proteste gegen die Zustände in der Textilindustrie laut. Die Modeunternehmen, die dort produziert hatten, gerieten in Kritik und Erklärungsnot. Doch mit der sinkenden medialen Berichterstattung blieben nur wenige laut.

In den sieben Jahren seither hat sich nur marginal etwas geändert. Nachhaltigkeit ist zwar zum neuen Modetrend geworden, doch an den Verhältnissen in den Produktionsländern hat sich ebenso wenig verändert, wie am Konsumverhalten vieler Menschen. Wer bei Primark und Co einkauft, macht sich eben keine oder nur ungern Gedanken darüber, weshalb ihre neuen Kleidungsstücke so wenig kosten. Im Übrigen betrifft das Problem nicht nur billige Kleidung, sondern auch Marken- und Luxusklamotten. Ein höherer Preis sagt nicht automatisch etwas über die Qualität oder die Herstellungsweise der Produkte aus, sondern oft nur darüber welches Logo im Etikett steht.

Ähnlich versandet ist die #metoo Debatte. Im Skandal um Harvey Weinstein war die Aufregung groß, Sexismus und sexuelle Belästigung, sexueller Missbrauch und Ungleichbehandlung wurden überall thematisiert. Doch nach einer Weile wurde es wohl lästig, sich ständig rechtfertigen zu müssen, warum man etwas tut oder warum nicht. Das war ein Thema, das tatsächlich die meisten direkt oder indirekt betroffen hat. Und doch ist es mit der Zeit wieder aus der breiten Öffentlichkeit verschwunden. Stattdessen traten Begriffe auf den Plan, die neuerliche Diskussionen um das Thema wieder schließen oder delegitimieren sollen. Sexismusvorwürfe werden als wahnhaft abgetan und als Zensur der Meinungsfreiheit. Ich möchte an dieser Stelle bewusst die Wiederholung der Begriffe vermeiden. Die Rechtspopulisten dieser Welt verstehen es selbst sehr gut, sie immer wieder auf die Bühne zu bringen.

Natürlich gibt es immer noch Menschen die Sexismus und Missbrauch, Klimawandel und die katastrophalen Zustände der Modeindustrie kritisieren, auch öffentlich. Und es gab auch vorher schon Menschen, die sich gegen Rassismus engagiert haben. Ohne sie würden die Diskussionen wahrscheinlich vollständig aus der Wahrnehmung verschwinden. Doch es geht um den allgemeinen Protest, es geht um politische und gesellschaftliche Beteiligung, darum, dass Missstände kein temporäres Thema sein dürfen, sondern uns dauerhaft empören müssen. Darum, dass Protest keine Politur fürs Image ist, sondern Ausdruck von Unzufriedenheit und darum, dass wir lernen Ereignisse zu nutzen, um Proteste voranzutreiben und nicht nur neu einzuheizen.

Ein einzelner Post zur Gelegenheit ist eben nicht mehr als ein einzelner Post in einem Feed mit vielen Posts. Statt uns in unserer kleinen Filterblase aufzuregen und dabei zu vergessen, dass wir selbst weder fehlerfrei noch unbetroffen sind, sollten wir unseren Protest auch nach außen tragen und mit mehr Konsequenz verfolgen. Zu Solidarität und Anteilnahme gehört eben nicht nur Hashtags zu folgen, die gleichen Bilder wie alle anderen zu posten und zu meinen damit wäre es getan. Zuhören, Reflektieren, Annehmen, dass man auch selbst ein Teil des Problems ist, eben das was man für sich selbst mitnimmt und versucht umzusetzen, dass ist der wichtige Teil des Ganzen.

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